Kulturrat NRW und Rat für kulturelle Bildung diskutierten über Kulturelle Bildung in NRW

„Kulturelle Bildung in NRW – Wie weit wirkt politischer Förderwille?“ fragten am 14. Februar Kulturrat NRW und Rat für kulturelle Bildung im Kleinen Sendesaal des Westdeutschen Rundfunks.

Wie stellt sich die aktuelle Lage der Finanzierung und der Organisation Kultureller Bildung in den Kommunen dar? Wie wird die vielbeschworene „Konjunktur“ Kultureller Bildung auf Landesebene deutlich? Vorausgegangen ist u.a. eine Studie des Rats für Kulturelle Bildung „Städte/Geld/Kulturelle Bildung: Horizont 2016“, die sehr unterschiedliche Situationen in den Kommunen skizziert und etliche Handlungsempfehlungen gibt.

Rat (78 von 345)Foto: Sabine Große-Wortmann

 

Es diskutierten Eva Krings, Gruppenleiterin im Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes NRW, Mechthild Eickhoff, Leiterin von UZWEI_Kulturelle Bildung im Dortmunder „U“, Klaus Hebborn, Beigeordneter des Deutschen Städtetages, Prof. Dr. Holger Noltze, Sprecher des Rats für Kulturelle Bildung, und Reinhard Knoll, stellvertretender Vorsitzender des Kulturrats NRW. Moderator Peter Grabowski lenkte ein Gespräch, das nur gelegentlich den Charakter einer Kontroverse annahm.

Holger Noltze sah zunächst einmal das Hauptproblem der Grundversorgung: Schule und Bildungsprogramme ergänzen sich nicht zu einer lückenlosen Angebotsfläche. Wirken die Angebote im ganzen Land oder muss man doch eher Glück haben, um im Dortmunder „U“ auf Frau Eickhoff zu treffen? Für Noltze war es notwendig, die Angebote zusammenzudenken: „Da ist noch viel Luft nach oben.“ Klaus Hebborn nahm das als Auftrag an den Deutschen Städtetag an. Die Studie des Rats für kulturelle Bildung zeige berechtigt, wie groß die Unterschiede in der Städtelandschaft sind. Die wichtigste Herausforderung ist für ihn eine Entkoppelung von sozialem Status und kultureller Teilhabe.

Für Eva Krings stand weniger die Ausdehnung der Angebote im Vordergrund, als die Sicht der Programme auf die Kinder. Die Kinder dürften nicht nur als Schüler gesehen werden, sondern als Akteure. Nicht die unterrichtlichen Aspekte stünden vorne an, sondern alle Facetten des Alltags. Grabowski blieb bei der Flächenfrage und wollte von Reinhard Knoll, der bis vor einigen Monaten Leiter der Musikschule in Neuss war, wissen, wie breit die kulturelle Bildung in Neuss wirke. Mit Stolz berichtete Knoll, dass dank des Programms „Jedem Kind seine Stimme“ und weiterer Angebote in Neuss 90 % der 6-10-Jährigen erreicht werden. Durch Kooperationen sei viel möglich. Noltze hingegen verwies auf eine Untersuchung des Rats für kulturelle Bildung, wann, wo und wie viele ästhetische Erfahrungen Schüler der 9. und 10. Klasse erhalten würden. Das Ergebnis sei kläglich gewesen. Ausschlaggebend sei immer noch der Umstand, ob sich die Eltern der Schüler für Kultur interessieren. Mechthild Eickhoff forderte mehr persönliche Zuwendung. Man müsse auf kompetente Personen, nicht unbedingt auf Programme setzen. Wirkungsreiche Personen könnten sich gegen einen Schulalltag durchsetzen, der immer segmentierter werde.

Der Kulturförderbericht über das Jahr 2015 weist einen finanziellen Einsatz des Kulturministeriums für die kulturelle Bildung in Höhe von 20 Millionen Euro aus. Wie wird der Einsatz dieses Etats gesteuert? Eva Krings korrigierte zunächst, dass der Betrag höher ausfalle, weil auch die Referatsleiter der Kulturabteilung den Schwerpunkt bei der Bewirtschaftung ihrer Etats auf die Kulturelle Bildung setzen würden. Die Steuerung bestehe darin, dass die Abteilung viel mit den Projektträgern vor Ort arbeiten würde. Gemeinsam mit den Kommunen werden die Konzepte entworfen, die auf die Situationen vor Ort passen müssten. Dabei werde in Strukturen der Sozialräume gedacht.

Die sind in der Tat wichtig, so sieht es auch der Städtetag. Doch der Teilhabeanspruch erfordert etwa im Ruhrgebiet nördlich der A 40 sehr viel mehr Einsatz als südlich davon, schätzte Klaus Hebborn. Die betroffenen Kommunen und Gemeinden haben die nötigen Mittel nicht und sind auf Ressourcen anderer angewiesen. Landes- und Bundesregierung müssten erheblich mehr zur Verfügung stellen. In dieser Hinsicht sei es bedauerlich, dass das Kulturfördergesetz für NRW bei der Lastenverteilung so ungenau sei.

Holger Noltze stieß sich am Grundprinzip der Freiwilligkeit in den Angeboten der Kulturellen Bildung. Er kam gerade von einer China-Reise zurück, bei der Akteure beider Länder eine Woche lang über Kulturelle Bildung diskutierten – eloquent aneinander vorbei, wie er sarkastisch ausführte. In China werde fast alles verordnet und kaum ein Kind könne sich entziehen. Hier hingegen setzten alle Angebote auf Freiwilligkeit mit ungewisser Wahrnehmung – ein wenig mehr Druck könne nicht schaden. Da musste Mechthild Eickhoff widersprechen: „Die Freiwilligkeit ist das Fundament kultureller Bildung.“

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Klaus Hebborn sah deutlich den Mangel an einem Gesamtkonzept. Das Land würde dies ja fordern und fördern, doch vor allem der Faktor Schule sei dabei nur schwer einzubeziehen. Immer mehr würde sich Bildung in der Schule auf kognitive Fächer verengen. Da brachte nun Grabowksi den Kulturrat NRW ins Spiel. Was mache dieser da eigentlich, fragte er kess Reinhardt Knoll, der auf die Kommunikation und Koordinationsmühen des Dachverbands mit dem Schul- und mit dem Kulturministerium verwies. Es gelte auch nach wie vor, die Landesprogramme zur Kulturellen Bildung in der Fläche bekannt zu machen. Die Akteure in den Kommunen würden sie oft nicht kennen.

Noltze lockt es weiter, auf Durchgreifen von oben zu dringen: Gab es überhaupt schon einmal einen Fall, bei dem eine Kommune, die das Landesengagement für die Kulturelle Bildung nur unzureichend umsetzte, Fördergelder zurückzahlen musste? Eva Krings wich aus: Die Kulturabteilung des Ministeriums arbeite positiv über Zielvereinbarungen mit den Kommunen, die den Förderzweck konkret benennen und wenige Schlupflöcher lassen.

Klaus Hebborn sah Handlungsbedarf in Bezug auf die Regionalen Bildungsnetzwerke. Oft seien es faktisch Schulnetzwerke, sie müssten aber eigentliche Bildungsnetzwerke werden. Das bleibt eine Baustelle für die Kommunen. Vor allem aber müsse die Bundesregierung ihr Engagement ändern. Die 250 Millionen Euro, die über das Programm „Kultur macht stark“ ausgegeben werden, seien wenig effektiv. Weitaus sinnvoller sei es, in enger Abstimmung mit den Ländern systematisch zu arbeiten.

Eva Krings setzte für ihre Arbeit einen neuen inhaltlichen Schwerpunkt: In Zukunft müsse die Kulturelle Bildung mit dem interkulturellem Stadtleben verbunden werden. Das Verständnis für andere Kulturen werde durch kulturelle Bildung erheblich befördert. Das ist wohl in der Tat die eigentliche Herausforderung für unsere aktuelle Gesellschaft.

rvz

Die Veranstaltung fand am 14. Februar 2017 im Kleinen Sendesaal des WDR Funkhauses Köln statt.